Frei von Erziehung leben – was bedeutet das?

11.17.2017

Es toben die ewigen Mütterkriege – Normalzeit, Langzeit, gar nicht stillen. Auf Bedürfnisse des Kindes sofort reagieren oder sie auch mal ignorieren. Einem Breiplan folgen, weiter stillen oder Baby Led Weading. Was haben diese, oft heftig diskutierten Themen gemeinsam? Zum einen, dass viele Mütter dazu neigen, ihre Position, ihren Weg, den sie ganz individuell mit ihrem Kind gefunden haben, als den einzig richtigen zu sehen. Darüber hinaus aber auch andere Wege und Mütter zu verurteilen, anzugreifen und abseits jeder respektvollen Kommunikation zu diskutieren. Aber diese Themen haben noch einen anderen gemeinsamen Nenner: Sie beziehen sich auf Begriffe, die jeder anders versteht. Stillgegner bezeichnen Mütter, die ihr Einjähriges Stillen als Langzeitstiller, während letztere sagen, dass das natürliche Abstillalter bis zu 7 Jahre beträgt. Was ist ein Bedürfnis, wenn ich von bedürfnisorientiert spreche? Natürlich Sicherheit, Essen, Schlafen. Aber was ist, wenn mein Kind sich im Winter nicht anziehen möchte? Ist das ein Bedürfnis oder ein Wunsch?

Genauso verhält es sich mit Begriff unerzogen, der besonders dieses Jahr die Gemüter auf meinen sozialen Plattformen erhitzt hat. Die einen schreien: „Ihr spinnt doch, man kann sein Kind doch nicht machen lassen was es will, was soll aus ihm werden.“ Die anderen schotten sich ab und sagen: „Wie könnt ihr Erziehen? Wer macht so etwas mit seinem Kind?“. Ich war Anfang des Monats auf dem wundervollen Event von Olivia von freefamily.rocks mit zwei Duzend anderer Mamas, die alle auch sehr bedürfnisorientiert erziehen (so nunmal die nicht ganz richtige Übersetzung von Attachment Parenting), einen ganzen Tag beisammen und immer wieder drehte sich das Gespräch um den Begriff Erziehen.

 

Was heißt Erziehen überhaupt?

Erstmal gibt es eine unglaubliche Bandbreite von Auffassungen, wie man mit seinem Kind kommuniziert und umgeht. Das alleine macht das Thema sehr heikel und schnell emotional aufgeladen. Aber dazu kommt einfach dieser Begriff Erziehung, den jeder ganz anders definiert. Nehmen wir an es wird zwei Menschen gesagt, sie dürfen sich ab heute nur noch gesund ernähren. Der einige ist damit streitlos zufrieden, denn gesund bedeutet für ihn, dass er mehr auf eine ausgewogene Ernährung achtet, darüber hinaus aber auch Süßigkeiten in Maßen eine gesunde Ernährung bedeuten können. Der andere ist aber wütend und sieht das als riesige Beschränkung, weil er unter gesund essen nur noch Gemüse und Obst versteht. Ein zu abstraktes Beispiel? Keineswegs, denn in dem Konkurs Erziehung passiert genau das.

 

Die Alltagssprachen Definition

Erziehung ist ein elementares Wort, das überall auftaucht. Zehntausende studieren Erziehungswissenschaften, in der KiTa gibt es ErzieherInnen, Erziehung steht oft für das Begleiten beim Großwerden. Es ist wie viele soziale und kognitive Begriffe so in unsere alltägliche Sprache verankert, dass seine Grenzen verschwimmen oder diese für jeden selbst definiert sind. Es gibt wundervolle Zitate wie

Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. – Friedrich Fröbel

oder

Man kann nicht nicht erziehen.

Und wenn man hier sagt, ich lebe frei von dieser Art von Erziehung – richtig, dann ist es quasi unmöglich diese Definitionen zu Grunde zu legen. Weil aber viele eben diese Definitionen im Kopf haben, wettern sie schnell los, wenn es um unerzogen geht.

 

Die unerzogen Definition

Aber wie definieren es denn nun Menschen, die frei von Erziehung leben möchten? Ich greife dafür zum einen auf den Duden und zum anderen auf meinen liebsten unerzogen-Guru, Wiebke von piepmadame, zurück.

Erziehung, die. Substantiv, feminin. das Erziehen. in der Kindheit anerzogenes Benehmen, anerzogene gute Manieren. – Duden

und

Das Ziel der Erziehung ist, dass das Kind bestimmte „psychische Dispositionen“ („bestimmt Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Einstellungen, Haltungen, Gesinnungen oder Überzeugungen“) erwerben oder beibehalten soll: dabei gilt positiv bewertete zu stärken – negative zu beseitigen und das Entstehen solcher zu verhindern. – Wolfgang Brezinka

Erziehen ist geplant, zielgerichtet, ich als Erwachsener möchte mein Kind formen. Ich möchte es zu etwas machen, von dem ich denke, dass es richtig ist. Genau dieses Erziehen versteht die Unerzogen-Bewegung unter Erziehung. Und wenn wir es so begreifen, ja, dann steckt sehr viel Negatives darin. Dann heißt Erziehen plötzlich nicht mehr Beispiel und Liebe, sondern Bestrafen um die Eigenschaften meines Kindes, die ich für richtig halte zu unterbinden. Dann heißt Erziehen, hey, mein Kind hat ganz schön viele Eigenschaften, die darf es nicht entwickeln, die treibe ich ihm aus. Denn ich denke, dass es so besser ist, als es von Natur aus gegeben ist. Genau das bedeutet Erziehung, wenn man ganz wortwörtlich schaut und genau diese Erziehung meinen (die meisten) Menschen, die Erziehung ablehnen.

 

Was umgekehrt Nicht-Erziehen nicht heißt

Gleichzeitig heißt Nicht-Erziehen dann nicht, dass man sein Kind nicht begleitet, auf Beispiel und Liebe verzichtet. Und es heißt eben auch nicht laissez faire, einfach machen lassen. Es heißt nicht, es gibt keine Regeln. Es heißt nicht, ich will bewusst mein Kind zu etwas werden lassen, dass unsere Großeltern als „unerzogen“, frei von Empathie, Gespür für Situationen und Grenzen anderer, bezeichnen würden.

 

Was bedeutet Frei von Erziehung dann im Umgang mit meinem Kind?

Im Alltag ist diese Frage unfassbar komplex und weder allgemeingültig, noch in ihrer Gänze zu beantworten. Aber worum es geht ist alleine die Einstellung:

Das bedeutet für mich in erster Linie ein Annehmen meines Kindes. Kinder sind gut, sind rein, sie müssen nicht erst zu etwas Gutem gemacht werden. Sie haben keine schlechten Eigenschaften, die ihnen durch Strafe ausgetrieben werden müssen. Ich begleite mein Kind, ich helfe im durch schwierige Situationen. Bei uns gibt es Regeln und Grenzen. Eine ganze Menge. Manche sind einfach da, Malou darf nicht an den Ofen packen oder auf die Straße rennen, da muss ich sie schützen. Es gibt auch Regeln, z.B. dass ich aussprechen möchte, wenn ich mich gerade unterhalte oder dass ich am Tisch sitze beim Essen. Darüber hinaus verzichte ich aber auf Erziehung.

Das heißt in diesen beiden konkreten Fällen: Ich schimpfe oder bestrafe nicht, wenn Malou in Dauerschleife Mama in mein Ohr ruft, weil sie mir etwas sagen möchte, während ich mich gerade mit Oma am unterhalten bin (= ich bestrafe nicht, um unerwünschtes Verhalten zu unterbinden). Umgekehrt verzichte ich aber auch nicht auf mein Bedürfnis gerade mit Oma zu sprechen (=ich wahre meine Grenzen, handle nicht laissez faire). Ich erkläre, hey, ich möchte gerade mit Oma sprechen. Ich höre dich, ich weiß, dass du etwas sagen möchtest, gleich höre ich dir zu. Das wird oft akzeptiert, wenn sie weint, tröste ich (natürlich! Schmerz muss niemand alleine aushalten, woher er auch rührt!), wenn sie weiter ruft, versuche ich dies zu ignorieren. Ich beende mein Gespräch und wende mich dann bewusst ihr zu. „Siehst du, jetzt bin ich fertig, jetzt kannst du mir sagen, was du möchtest.“.

Für mich ist gemeinsames Essen seit meiner Kindheit unglaublich schön und wichtig. Papa Mupfel und ich bleiben gemeinsam sitzen, bis der andere fertig ist. Mein Bedürfnis, die wenigen Minuten am Tag, die wir ganz bewusst für uns haben, zu wahren. Wenn Malou nun aber vorher aufstehen möchte, dann kann sie das tun. Ich möchte nicht, dass sie sitzen bleibt, weil sie muss (Erziehung!) und ich setze mich auch nicht zu ihr, wenn sie lieber Duplo spielen möchte, während wir essen (Aufopferung, kein Wahren der eigenen Grenzen). Um noch einmal auf Fröbel zu kommen. Erziehung ist Beispiel und Liebe. Wir sitzen schon seit der Schwangerschaft immer gemeinsam am Tisch, mindestens einmal, wenn möglich zweimal am Tag. Und Malou merkt, dass das richtig richtig schön ist. Mama und Papa sind beide zu 100% da, wir können erzählen, lachen, diese Zeit ist so intensiv. Es gab Monate, da blieb sie nicht sitzen, da war das nicht annähernd so interessant wie laufen, Duplo, auf dem Teppich liegen. Da war Essen und Beieinander sitzen uninteressant. Aber jetzt kommt langsam das Alter, wo sie all‘ die schönen Dinge vom gemeinsamen Familientisch zu schätzen weiß und sie sitzt aus ganz freien Stücken bei uns, es ist ihr Wunsch und ihre Persönlichkeit, die sie ganz ohne Erziehung entwickelt hat. Ziemlich schön, oder? So viel schöner, als wenn mein Kind gelangweilt am Tisch sitzt, weil es sonst Ärger bekommt, oder?

Für alles weiter empfehle ich ganz herzlich Blog wie Das Gewünschteste Wunschkind, hier z.B. zu Wenn du nicht xx, dann yy. Wenn-Dann-Keulen sind nämlich eine ganz harte Form von Erziehung und nichts anderes als Bestrafung. Ich bin ehrlich und fand unerzogen am Anfang richtig dämlich. „Man muss das Kind doch erziehen“, dachte ich. Und dann begann ich zu lesen, Buch um Buch, Blog um Blog. Und mir so meine eigene neue, reflektierte Meinung zu bilden. Ganz unabhängig vom Ergebnis, sollte uns unser Kind dieser Weg der Auseinandersetzung immer Wert sein.

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2 Comments

  1. Caro sagt:

    Hey Bine,
    ich finde deine Gedanken und Ansätze wirklich toll! So wie du es beschreibst, hört sich das immer ganz harmonisch an, aber dann denke ich an Situationen im Alltag und frage mich, wie du dann wohl mit deinem Konzept reagieren würdest. Zum Beispiel: Ich bin mit meinem zwei jährigen Patenkind auf dem Spielplatz und sie wirft mit kleinen Kieselsteinen. Ich weiß, dass das nicht tut um vorsätzlich andere Kinder oder mich damit abzuwerfen(Kinder haben keine Bösen Eigenschaften, die man ihnen austreiben muss), aber die Gefahr, dass genau das passiert ist da und deswegen sage ich ihr, dass sie damit aufhören soll. Sie hört mich, macht aber weiter. Ich will ihr nicht drohen, dass wir gehen, wenn sie nicht aufhört und erkläre ihr ruhig, dass sie damit auf hören soll und warum, aber sie macht weiter. Ich gebe ihr noch eine letzte Chance, bis ich sie auf den Arm nehme und an eine andere Stelle ohne Kieselsteine gehe, worauf sie mit protestierendem Weinen reagiert. Was hättest du hier gemacht?
    Liebe Grüße Caro

    1. Biene sagt:

      Liebe Caro, ich hätte ganz ähnlich gehandelt .. die Gesundheit von deinem Patenkind, von dir oder anderen Memschen geht immer vor. Da muss man dann im Zweifel schützend eingreifen, wie du es getan hast. Die Frage ist dann nur ob man schimpft oder den (verständlichen) Frust begleitet 🙂 ich hätte vielleicht noch versucht eine Alternative anzubieten, das klappt bei Malou in 80% aller Situationen. „Das tut den anderen Kindern weh, aber hey, schau mal. Wir versuchen die Steine mal hier in den Eimer zu werden.“ oder ich Locke sie weg „komm mal schnell her, hier kann man die Steine in den Busch werfen und es macht lustige Geräusche“.
      Ganz liebe Grüße

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