Paris – vom Wegfahren und Heimkommen

10.01.2016

Alleine nach Paris? Geht das?

Letztes Wochenende bin ich mit einem Freund aus Trier nach Paris gefahren um einen gemeinsamen Freund dort zu besuchen. Wir haben 2013 unser ERASMUS Semester gemeinsam (mit zwei Portugiesen, einem Brasilianer und einem weiteren Franzosen) verbracht, also ab Tag 1 keinen Tag ohne einander verbracht. Uni und Lernen war nebensächlich, wir haben unsere Zeit über den Dächern Antwerpens verbracht und die Nächte mit über hundert anderen ausländischen Studenten in vollen Bars oder lauten Clubs.

Ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie, aber diese sechs Monate waren – in Zeitrechnung vor Familie Mupfel – die schönsten meines Lebens. Wann immer ich von einem der anderen höre, wenn ich belgisches Bier in der Hand halte oder mich andere Dinge an mein Auslandssemester erinnern hüpft mein Herz. Soviel Gutes habe ich mitgenommen und genauso traurig war ich, als diese Zeit zu Ende war und mir bewusst wurde: so kommen wir nie wieder zusammen, viele werde ich nie wieder sehen. Back to reality!

Als Ben und Arseny mich dann fragten ob ich nach über drei Jahren Lust auf eine kleine Wiedervereinigung in Paris hätte, bin ich innerlich herumgesprungen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, bis ich dann am nächsten Morgen Papa Mupfel fragen konnte, ob ich fahren darf. Und natürlich durfte ich – auch wenn er es glaube ich nicht ganz versteht, so weiß er wie viel mir die Zeit bedeutet hat und hat anstandslos alles organisiert und sich sogar Urlaub genommen damit ich fahren kann.

Ein paar Tränchen rollten beim Abschied – das erste Mal 60 Stunden ohne mein kleines Mupfelchen. Kurz habe ich mich doch ganz schlecht gefühlt, sie „alleine“ zu lassen. Aber wie schon geahnt, hat sie mich keine Sekunde vermisst, ich habe so viele lachende Bilder von Papa, Oma, Uroma bekommen. Da hatte ich es wirklich schwerer mit der Trennung als mein kleines Mädchen.

60 Stunden Paris, Paris, Paris

Ich habe die 60 Stunden auf’s Vollste ausgefüllt .. wir waren auf einem kleinen französischen Rap-Konzert von Dooz Kawa, bei dem ich nicht ein Wort verstanden habe, aber die Energie von den Künstlern und Fans hat uns sofort mitgerissen. Wir sind nachts durch die Straßen geschlendert und haben die Pariser Luft geschnuppert. Wir sind bei strahlendem Sonnenschein durch Paris geradelt, haben Sandwiches an der Seine gegessen und einen Cocktail zum Mittagessen getrunken. Wir haben die weltbesten Croissants gegessen und französische Crepes zum Frühstück gebacken bekommen. Wir haben so viele Freunde von Ben kennen gelernt, wurden von allen herzlichst begrüßt und am Ende des Tages war es als wären wir schon ewig dort. Wir sind auf einem Open Air in die Nacht getanzt und die einzige Beleuchtung war eine Lichterkette und das Sacré Coeur bei Nacht. Wir sind laut lachend durch die Straßen getanzt, haben versucht den Franzosen „Achten Sie auf den Abstand“ beizubringen und haben uns über die Haltestelle „Oberkampf“ lustig gemacht. Wir haben per Zufall eine Technoparty ausgewählt und es wurde zu einer der besten, auf der ich jemals war (und ich war schon auf vielen!). Wir haben getanzt bis man uns morgens aus dem Club kehrte und konnten hundemüde immer noch nicht aufhören zu reden, reden, reden. Die beiden um mich zu haben war ein Segen, auch nach all‘ den Jahren.

Also ich würde sagen, ich habe die 60 Stunden wirklich auf’s Vollste gelebt, oder?

Aber als sich der Sonntag dem Ende neigte – und mit ihr meine Kräfte – da wollte ich nur noch ganz schnell zu Hause ankommen. Zurück zu Papa und Mini Mupfel, zurück zu meinem kleinen Zuhause.

Wieder daheim

Da Malouchen meinen kleinen Ausflug anscheinend gar nicht bemerkt hat, blieb die große Wiedersehensfreude ihrerseits aus – dafür war meine umso größer. Ich habe mich wirklich gefreut sie wieder die ganze Zeit um mich zu haben. Wir sind fast direkt weiter nach Holland gefahren um die nächsten Tage ganz viel Zeit zu Dritt zu haben.

Aber die ersten Stunden und Tage waren gar nicht so einfach. Ich war noch ein wenig gefangen in dem lauten, berauschenden Wochenende. In meinem Kopf surrte ein lautes Wirrwarr aus Englisch, Französisch, Freiheit, Freundschaft und Lachen; aus strahlenden Gesichtern im dunklen Club, lautem Bass und neuen Menschen, mit denen man für eine Nacht Freundschaft schloss um sich danach nie wieder zu sehen, also das was ich immer geliebt habe. Das Leben wie ein lautes Fest feiern, nirgendwo so ganz zu Hause sein und doch trotzdem überall ein wenig von seinem Herzen lassen. Ich hatte zwei Tage das, was für mich noch vor zwei Jahren meine Definition von Glück war. Und es wollte mit der Heimkehr nicht einfach verschwinden.

Ich habe mich mit Malouchen und Papa Mupfel bewusst für ein ruhiges Leben entschieden und dafür bin ich sehr dankbar. Denn jeder Mensch braucht irgendwann einen Heimathafen, in dem er aus eigenem Willen einläuft, in dem er endlich seinen Frieden findet. Ich wollte und habe mein Leben in wenigen Wochen um 180 Grad gedreht. Und so darf es auch gerne bleiben.

Weil aber beides in einem so krassen Gegensatz steht, ist es auch nicht verwerflich, dass es mal kollidiert. Erst habe ich mich schlecht gefühlt, wollte wieder ganz zu Hause ankommen und nicht mehr mit einem Arm in Paris hängen. Doch dann habe ich mir einfach ein paar Tage Zeit gegeben. Habe das laute Sirren leiser werden lassen und langsam wurde daraus einfach eine schöne Erinnerung. Ich habe für mich selbst erkannt, dass ich das darf: auch Dinge lieben, die sich nicht mit meinem Familienleben in Einklang bringen lassen. Und ein paar Tage im Jahr mal in diese Parallelwelt reisen. Daraus habe ich so viel Kraft geschöpft. Ich bin jetzt wieder mit ganzem Herzen daheim und so glücklich und ausgelastet wie lange nicht mehr. Ich bin motiviert, voller Kraft und vor allem voller Liebe. Und die nächsten Wochen und Monate möchte ich nichts anderes, als diese mit meiner kleinen Familie zu leben.

Irgendwann komm ich wieder, Paris, du warst so gut zu mir – aber das hat Zeit.

 

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5 Comments

  1. Bini sagt:

    Oh liebe Bine, ich kann das so gut verstehen! Als wir in Amerika waren, hätte ich Pauline das ein oder andere Mal auch so gerne bei jemandem gelassen, um alte Erinnerungen aufleben zu lassen. Leider ist das mit dem Pauli-Kind nicht möglich, aber irgendwann bestimmt. Dann schnappe ich mir meine Mädels und möchte die Nächte auch fern von zu Hause durchtanzen. Denn auch das darf man, wenn man eine Familie hat. Man darf an sich denken und ‚egoistisch‘ sein. Es freut mich, dass du eine so tolle Zeit hattest!
    Wir lassen euch ganz liebe Grüße da! <3

  2. Lori sagt:

    Was für ein schöner Text zu deinem Leben. Ganz wunderbar und so so ehrlich. Ich bin total beeindruckt und ganz gespannt wie es uns ergehen wird. Nicht Paris, keine alten Erinnerungen. Aber ein Wochenende nur für mich, im November. Zwei Freundinnen und mein geliebtes Hamburg.

    Ich wünsche dir und deinen beiden lieben einen schönen Sonntagabend.

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