Slow Parenting – unser Versuch langsamer zu leben

01.07.2017

Vor einigen Wochen habe ich euch in meinem Blogbeitrag „Vom Fehler machen“ davon erzählt, wie das Buch von das Gewünschteste Wunschkind mich berührt hat. Und motiviert hat mich jeden Tag als Mutter weiter zu entwickeln, mein Tun zu hinterfragen und zu reflektieren. Seit dem wird mein Leben mit Malou immer leichter, immer schöner und erfüllter. Ich habe noch viel zu lernen als Mama, und das ist auch gut so. ich bin noch Neuling im slow parenting. Aber ich merke viele Male am Tag: hier hättest du früher anders reagiert. Weil du dir jetzt Zeit genommen hast und erst gedacht und dann gehandelt hast, ist aus einer anstrengenden auf einmal eine schöne Situation geworden. Das macht mich stolz, denn es ist nicht immer einfach mit festgefahrenen Mustern im Alltag zu brechen.

Was ist denn eigentlich slow parenting?

Wir leben langsamer. Wir versuchen uns an slow parenting, ohne damit jetzt festgelegte Dinge zu meinen. Das ärgert mich nämlich oft an (tollen!) Dingen wie attachment parenting – dass so viele Befürworter sich damit rühmen, weil sie ein Familienbett haben, lange stillen, viel tragen etc. Damit bin ich aus dem Club schon raus, weil ich nicht mehr stille. Doch der Grundsatz von dem ist doch eigentlich: leise sein, auf sein Kind hören, in sich hineinspüren, liebevoll entscheiden und durch’s Leben gehen. Und das tue ich, oder versuche es zumindest jedes Jahr auf’s Neue. Ich finde die Diskussion und die tollen Beiträge auf den Blogs wichtig und gut, sei es um attachement parenting oder unerzogen, kann mich aber durch diese Abgrenzung zu klassischer Erziehung, um die sich immer so eifrig bemüht wird, irgendwie nie ganz damit identifizieren.

Anders ist es beim slow parenting. Da muss man gar nicht viel zu sagen, nicht viel drüber lesen, lernen, „einhalten“. Ich finde alleine den Begriff so schön. Und die Achtsamkeit die dahinter steckt. Man muss nur langsamer leben. Hört sich einfach an? Oh, das ist es für unsere Kinder auch. Sie machen es intuitiv – immer. Sie leben im Moment, sie MÜSSEN meisten nichts sondern wollen es und das von ganzem Herzen. Aber für viele Erwachsenene ist es tierisch schwer; ich ertappe mich immer wieder selbst, wie ich in alte Muster verfalle, weil ich nicht ganz bei mir bin.

Slow parenting oder auch slow living heißt: sich die Zeit einfach nehmen. Sich ganz genau überlegen warum ich will, dass mein Kind jetzt  etwas macht und das bitte möglichst schnell. Und ob das nicht eigentlich auch warten kann. Seit ich das mache fällt mir auf, wie oft ich sinnlos durch’s Leben hetze. In den meisten Fällen hat man alle Zeit der Welt oder zumindest die fünf Minuten, die das Kind sehr glücklich machen. Und einen selbst auch, wenn man Augen und Herz öffnet. Einfach mal da sitzen und den Moment genießen, die Freude, die mein Kind dabei empfindet einen Schrank auszuräumen, die kleinen Augen aufblitzen sehen, die Stirn gerunzelt und den Mund zu einer Schnute verzogen. Wir vergessen manchmal wie viel Glück so eine Situation beherbergt.

Slow parenting schafft schöne Momente

Heute saßen wir nach dem Mittagessen noch zehn Minuten länger am Tisch. Und es waren die schönsten zehn Minuten des Tages. Malou hat die Schinkenwürfel aus den Bohnen geklaut und Spökes gemacht, obwohl sie sonst heute nicht viel Freude an der Welt hatte. Hätte ich wie früher mit dem letzen Gabelstich den Tisch abgeräumt, wäre uns diese Freude ergangen und Malouchen wahrscheinlich schnell wieder dem Weinen verfallen. Slow parenting.

Als wir einkaufen gingen, wollte Malou die Treppe nehmen. Das hat zehn Minuten gedauert statt fünf Sekunden mit dem Aufzug. Sie durfte jede Stufe alleine gehen und hat dabei nicht nur motorisch etwas gelernt, sondern war auch noch glücklich und stolz als wir unten ankamen. Fünf Minuten des Weges haben wir damit verbracht die Blumenkügelchen aus dem Kübel zu holen und zu rollen.

Was sie früher nicht durfte. Warum nicht? Weil ich es so eilig hatte, obwohl ich gar keinen Termin hatte? Oder weil die Sachen in meiner Hand so schwer waren? Weil es mir zu anstrengend war? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem, die schnell dazu führt, dass Dinge „nun mal eben so gemacht werden“. Aber nein! Das will ich nicht mehr. Ich möchte, dass Malou Regeln befolgt, die Sinn machen und die sie versteht, wie zum Beispiel nicht auf die Straße laufen oder uns nicht hauen. Aber alle anderen Regeln hinterfragen wir jetzt – wir nehmen uns Zeit. Slow parenting.

Bei Tränen beim Wickeln habe ich früher gesagt „Malou, bitte, das muss jetzt gemacht werden. Hör‘ auf zu weinen“. Bringt so ziemlich gar nichts, weil Malou das herzlich egal ist, dass das jetzt „eben gemacht werden muss“ und es an ihrem Unwillen nichts ändert. Slow parenting heißt hier: Phantasie. Ich singe ein Wickellied, schneide Grimassen oder kitzeln sie. Heute habe ich beim Verziehen der Mundwinkel ihre geliebte Katzi geholt, die dann miauend nach den Windeln gesucht hat. Und statt Protest sogar ein Lächeln bekommen. Slow parenting.

Schon drei glückliche Situationen, die ansonsten wahrscheinlich mit einem weinendem Kleinkind und Gereiztheit meinerseits geendet hätten. Und das obwohl wir es doch gar nicht eilig hatten.

Balsam, nicht nur für die Kinderseele

In erster Linie machen wir das für Malou. Ich will nicht meine Macht oder Willkür benutzen und sie aus dem Spiel reißen. Kein Wunder, dass sie dann wütend wird. Dass wir die Kugeln jetzt nicht aus dem Kübel holen macht nicht nur für sie keinen Sinn. Es hat auch keinen Sinn. Warum es dann also aus falschen Motiven durchsetzen? Mit jeder Situation, in der ich mich stoppe, meinen Laptop zuklappe um ihr zuzuhören oder meine Tasche abstelle und mich neben sie setze, gebe ich der Situation die Chance schön zu sein.

Die Alternative ist, dass ich das Schöne nicht sehe, weil ich nicht achtgebe, dass ich Malou die Freude nehme, denn die spürt sie oft erst richtig in dem Miteinander, in der wir die Situation gemeinsam erleben. Und wahrscheinlich habe ich dann noch ein wütendes oder trauriges Kleinkind, das (zu Recht) nicht versteht, warum es jetzt auf einmal aufhören soll oder etwas nicht darf. Seit wir langsamer leben, weint Malou seltener, weil ich ihr zu den Situationen, die nun mal eben Kindertränen hervorrufen, nicht noch zusätzlich welche schaffe. Sie hat größere Räume um sich zu entfalten, Dinge zu erforschen – um zu lernen. Um glücklich zu sein.

Und glücklich macht es auch mich. Dieses bewusste Ausbrechen, das bewusste in der Situation sein, bewusst Leben und Freude empfinden, die man sonst übersehen hätte. Es ist das sprichwörtliche „durch Kinderaugen sehen“ – denn keiner beherrscht das slow living so gut wie unsere Kinder. Ich habe weniger Stress, bzw. ich mache mir weniger Stress. Ich bin glücklicher und kann Situationen umgehen, die für mich sonst sehr anstrengend waren.

Jeden Tag ein bisschen langsamer

Hört sich alles so perfekt und rosig an? Ich stehe erst ganz am Anfang. Ich habe die letzten zehn Jahre anders gelebt, oft mit dem Handy in der Hand, mit den Gedanken weit weg und sehr ungeduldig. Es dauert wahrscheinlich wieder zehn Jahre bis ich das rückgängig gemacht habe. Manchmal bin ich so verärgert, dass ich all‘ die hübsch aufgeschriebenen Dinge oben nicht mache, obwohl ich mir dessen bewusst bin. Einfach weil ich mich jetzt gerade ärgern und nicht bewusst leben will. Und noch viel öfter vergesse ich meine guten Vorsätze und es fällt mir erst viel später wieder ein. Dann bemühe ich mich sofort wieder einen Gang runterzuschalten. Um dann vielleicht in zehn Minuten alles wieder vergessen zu haben.

Aber ich versuch’s. Jeden Tag. I might not be there yet, but I am closer than yesterday.

 

 

(Einen ganz tollen Artikel über slow parenting findet ihr hier.)

 

 

2

11 Comments

  1. Julcha sagt:

    Das ist mein Lieblingsblogeintrag! Die Geschichten und Situationen die Du erzählst und beschreibst, machen schon beim Lesen glücklich! Wie schön, dass Malou jetzt damit auch ein großes Stück eigenbestimmter aufwachsen kann. Zumal es ja sicher immer wieder Situationen geben kann, in denen wirklich mal Zeitdruck da ist. Die wird Malou dann aber wahrscheinlich auch ganz anders wahrnehmen und dann verstehen, dass das eine Ausnahme ist … so schön geschrieben!

    1. closerthanyesterday sagt:

      Danke, Julchen <3

  2. Sophie sagt:

    Ein wunderschöner Weg! 🙂

    1. closerthanyesterday sagt:

      Dankeschön, liebe Sophie!

  3. wheelymum sagt:

    Hallo du Liebe,
    ich habe das Buch über slow parenting gelesen und war begeistert. Bei vielem dachte ich, ach, das machen wir schon so und kolpfte mir imaginär auf die Schulter. Bei noch mehr dachte ich: Oh jaaa, das stimmt. Das sollten wir auch einmal probieren oder welch tolle Idee. Wir befinden uns noch auf dem Weg, dieses Verlangsamen umzustezen. Dein Beitrag zeigt aber ganz klar, wie wichtig und bereichernd es ist. Einer Meiner Lieblingsbeiträge. Danke dafür. Er findet bestimmt einen Platz in meinen Januarslieblingen.

    Liebe Grüße
    wheelymum

    1. closerthanyesterday sagt:

      Hallo,
      ja, genauso ging es mir auch! Ich nutze jetzt direkt mal den Mittagsschlaf von Malou um durch deinen Blog zu stöbern.
      Liebe Grüße,
      Biene

  4. Steffi sagt:

    Hallo Biene,
    das ist ein wirklich wunderschöner Artikel. Ich finde es auch sehr wichtig nicht nur irgendein Erziehungskonzept zu übernehmen und wie eine Liste abzuhaken, um sich dann eingliedern zu können. Viel wichtiger ist einen Weg zu finden, der zu einem selbst und der Familie passt, der sich richtig anfühlt und dazu gehört vielleicht auch sich von allen Konzepten und Richtungen das rauszusuchen, was stimmig ist für einen selbst.Das versuche ich auch immer zu vermitteln in meiner Arbeit mit Müttern.
    Das Beispiel mit der Treppe find ich dafür auch sehr treffend…sich wirklich Zeit zu nehmen ist so wichtig.
    Viel Freude weiterhin mit deinem Familienleben.
    Liebe Grüße
    Steffi

Schreibe eine Nachricht

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.