Slow February

03.04.2017

Vor einigen Jahren habe ich mal einen Motivationstrainer gehört, der mich sehr beeindruckt hat. Im Rückblick weiß ich, dass das einfach sein Job ist und die Euphorie, die er in uns ausgelöst hat nicht ganz ehrlich war. Aber er riet uns, Monatsprojekte festzulegen. Denn was man vier Wochen jeden Tag und jede Stunde an sich selbst überwacht und fest in seinen Alltag implementiert, das läuft danach von selbst. Daran habe ich lange nicht gedacht, bzw. einfach nie etwas gehabt, was ich unbedingt wollte. Aber eine bessere Mama sein, achtsamer mit meinem Kind umgehen, seine Bedürfnisse hören und wahrnehmen – das will ich. Unbedingt!

Was gut geklappt hat

Und es ist erstaunlich, wie gut das langsamer Leben diesen Monat in manchen Situationen geklappt hat. Dass wir jetzt die Treppe gehen oder zwei Runden um den Blog und dann erst in’s Auto einsteigen. Darüber habe ich mich im Januar sehr gefreut und jetzt, Ende Februar, ist es fast selbstverständlich für mich. Das heißt nicht, dass ich es weniger wertschätze. Ich freue mich, dass ich mit Hektik und starren Wegen, die so viel schöner sind, wenn man sie auch mal anders geht, gebrochen habe. Ich muss mich nicht mehr ermahnen inne zu halten, ich tue es einfach in vielen Situationen. Das tut mir gut, aber vor allem Malou.

Mein aktuelles Vierwochenprojekt: Nicht mehr so viel anleiten. Ich bin so ungeduldig, es ist schrecklich. Sobald etwas nicht funktioniert, möchte ich Malou helfen. Manchmal sage ich schon, bevor sie angefangen hat: Das musst du so machen! Das finde ich nicht nur für Malou blöd und bevormundent, ich nehme ihr damit ganz viel Eigenenergie und Erfahrung, die sie selbst machen kann. Ich finde es auch an mir eine schlechte Eigenschaft. Und die ist mit viel Arbeit diesen Monat schon besser geworden. Und Malou findet immer ihren eignen Weg, immer. Zur Not bin ich zum Helfen da, aber erst versuche ich sie zu ermuntern, es selbst zu tun.

Was manchmal klappt

Bei den unnatürlichen Regeln, zu Dingen, die „man“ nicht macht, tue ich mich ein wenig schwerer. Denn diese Regeln begleiten mich und wohl auch die meisten von euch seit Kindesbeinen an. „Man“ fasst im Supermarkt nichts an, „man“ legt die Füße nicht auf den Tisch und „man“ legt sich nicht auf die Straße. Über die entsetzen Blicke von der Nachbarsfrau, als Malou auf dem Bürgersteig lag und ich mich daneben gesetzt habe, kann ich mittlerweile lachen. Aber mir rutschen selbst noch ganz oft Ermahnungen raus, die in mir schlummern und die ich deshalb als gegeben sehe. Sind sie aber nicht. Sie wurden von einer Gesellschaft aufgestellt, die gerne möchten, dass Kinder sich benehmen. Ich möchte nicht, dass mein Kind sich benimmt. Das kann es in dem Alter noch gar nicht, wird es aber, wenn ich nicht allzu viel falsch mache, irgendwann von selbst tun.

Und das nicht, weil ich es dafür bestrafe oder im richtigen Moment lobe. Sondern weil es von Grund auf gut und ein soziales Wesen ist. Überhaupt: Loben. Ich wusste nicht, dass das in irgendeinem Kontext etwas negatives sein kann. Aber durch meinen #unerzogen-Guru im Alltag, die liebe Wiebke von Piepmadame, habe ich gelernt: wir loben sehr oft, weil wir unser Kind manipulieren wollen. Hört sich hart an und vielleicht streitet man es erstmal ab, das habe ich am Anfang auch. Einen tollen Artikel gibt es dazu bei Das gewünschteste Wunschkind: Warum wir unsere Kinder nicht loben sollten. Wir müssen uns fragen: Ist unser Lob ehrlich? Sind wir wirklich überrascht und über alle Maßen begeistert? Natürlich sind wir das beim ersten Schritt und wir wären schlechte Eltern, wenn wir da nicht vor Aufregung fast bis unter die Decke springen würden.

Aber wenn wir zum fünfzigsten Mal loben, dass der Teller leer gegessen ist, dann ist das Manipulation. Wir wollen, dass unser Kind es immer so macht und loben deswegen. Wir bewerten die Situation für das Kind, anstatt ihm die Möglichkeit zu geben, sich ganz aus sich selbst heraus zu freuen, z.B. weil es etwas alleine geschafft hat. Seit ich versuche, statt zu loben, wahrzunehmen („Das hast du ganz alleine geschafft!“,“Du hast alle Kartoffeln aufgegessen, da hat es dir aber geschmeckt.“) fällt mir auf, wie sehr wir unsere Kinder mit Lob überschütten. Immer wieder für Dinge, die das Kind schon längt verinnerlicht hat und kann. Das Lob vermittelt aber „ui, ich bin total überrascht, dass du das geschafft hast. Das hätte ich gar nicht von dir gedacht“.

Was noch gar nicht klappen will

Und dann gibt es natürlich die Situationen, in denen ich einfach genervt bin. Weil ich zu spät dran bin und Malou beginnt ihr Essen auf Möbel und ihre gerade gewechselten Klamotten zu schmieren oder wir vollbeladen vor dem Auto stehen und Malou alles möchte, nur nicht in den Kindersitz. Da muss ich mich manchmal umdrehen und ganz laut in mich hineinschreien. Denn das ist ganz alleine meine Schuld. Ich habe Zeitdruck verschuldet und gleichzeitig Erwartungen an mein Kind, die es natürlich nicht erfüllt. Weil es keinen Sinn darin sieht sich anschnallen oder das T-Shirt sauber zu lassen.

Dazu gehören auch nach wie vor die Nächte, in denen mir nach wie vor oft die Kraft fehlt. Ich bin todmüde und das kleine Monster neben mir plötzlich hellwach, wenn ich gerade schlafen gehen möchte. Da ist nix mit slow und nix mit bedürfnisorientiert. Ich bin sauer und würden meine Eltern nebenan wohnen, würde ich Malou vor ihre Türe setzen, klingeln und weglaufen. Ehrlich 😀

Lieber März, ..

Leider gab es auch diesen Monat von letzteren Situation viele. Statt meines erhofften Aufatmens nach der Klausurenphase, saß ich diesen Monat eigentlich noch länger bis spät in die Nacht um alles zu erledigen. Reiseplanung, Hausarbeit und zahlreiche Kooperationen für den Blog. Und da ich hier nicht zu viel Werbung schalten möchte, sind mir qualitativ hochwertige und persönliche Beiträge wie dieser hier, in so einem Monat besonders wichtig. Ich bin einfach verdammt müde. Seit Wochen und Monaten. Und das wirkt meinem Bestreben nach Slow Parenting sehr entgegen.

Deshalb habe ich mich entschieden mein Macbook auf unserer Portugalreise zu Hause zu lassen und nichts, aber auch gar nichts, für den Blog und Uni zu tun. Und darauf freue ich mich im März besonders. Keine Verpflichtungen, Deadlines,  lange Nächte bis zwei Uhr. Einfach nur wir drei und viele gute Bücher auf meinem Kindle. Auf dass der März so wunderbar langsam und erholsam wird, wie ich mir das seit Wochen wünsche.

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