Slow January

01.30.2017

Nicht nur Slow Parenting auf deutsch auszudrücken ist schwer sondern auch Slow Parenting im Alltag anzuwenden ist oft schwerer als es sich anhört. Zumal wir es noch mischen mit den schönen Ansätzen von Das Gewünschteste Wunschkind und Geborgen Wachsen, mit Unerzogen und Attachment Parenting. So viele Ideen, so viele kluge Worte, die sich im Theoretischen immer nachvollziehbar und leicht anhören und dann im Alltag manchmal unmöglich scheinen umzusetzen. Aber es ist nicht unmöglich, es ist nur ein langer Weg dahin. Dazu habe ich schon mit einigen von euch lieben Lesern privat diskutiert, mich haben so viele Nachrichten zu unserm Artikel Slow Parenting – unser Versuch langsamer zu leben erreicht. Deswegen möchte ich euch jetzt jeden Monat mitnehmen auf unsere Reise dorthin. Und gleichzeitig auch für mich Revue passieren lassen: was hat gut geklappt diesen Monat und was überhaupt nicht.

Ein lauter Jahresanfang, wie passt das zu Slow Parenting?

Unser Januar war leider alles andere als slow. Aufregend, hektisch, vollgestopft passt eher. Wir kamen Anfang des Monats erst aus dem Urlaub und gegen Ende brachen wir schon wieder zu einem Überraschungsbesuch nach Goslar auf. Hinzu kamen mehrere Geburtstage von Freunden und Familie, das wöchentliche Kinderturnen, ein Bloggerevent beim KiWaLa Bonn und Blockseminare am Wochenende. Allesamt schöne Termine, aber eben Termine. Einer nach dem andern, so dass Malouchen und ich abends müde in’s Bett sanken. Mit dem Unterschied, dass das kleine Mupfelchen friedlich schlummern konnte und ich mich mit einem Seufzer wieder aufraffen und an den Schreibtisch setzen musste. Es wartete eine umfangreiche Hausarbeit, eine Präsentation und mein Herzensprojekt, diesen Blog, wollte ich auch nicht ganz einschlafen lassen.

Ich saß also nach langen Tagen bis spät in die Nacht und stehe nun trotzdem kurz vor den Klausuren ohne bisher eine Karteikarte geschrieben zu haben. Aber ein Ende ist in Sicht, Mitte Februar fällt ganz viel Last von meinen Schultern und ich habe zwei volle Monate für mich, für uns, für Malou. Ist es also sinnlos in einem so vollgepackten Monat einen Artikel über Slow Parenting oder Slow Living zu schreiben? Nein! Denn genau dann ist es wichtig, sich immer wieder aus der Situation zu nehmen, tief durchzuatmen, zu entschleunigen. Auf sein kleines Baby zu hören und es das Tempo bestimmen zu lassen, anstatt es mit in die Hektik zu ziehen. Das ist uns an manchen Stellen ganz toll gelungen:

Einkaufen wird zum Erlebnis

Wir gehen jetzt viel Spazieren. Obwohl wir eigentlich nur „schnell“ zum Auto und Einkaufen wollen. Ich möchte, dass Malou sich ohne Meckern anziehen lässt, den Aufzug nimmt, sich in’s Auto setzt, im Einkaufswagen bleibt, sich dann wieder im Auto anschnallen und zu Hause ausziehen lässt. Eine ganz schön lange Zeit mit vielen langweiligen Momenten für ein so kleines Wesen, was übersprudelt vor Neugier. Also halte ich inne und überlege: Was möchte denn Malou und wie können wir das zusammen bringen? Kooperation heißt nicht – das Kind gehorcht. Kooperation heißt, dass beide Parteien gleichberechtigt sind und jeder etwas für den anderen tut um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Malou möchte sich erstmal nicht anziehen. Wir spielen also Fangen – ihr absolutes Lieblingsspiel – und ziehen uns dann immer ein Kleidungsstück an, wenn ich sie eingeholt habe. Wir gehen die Treppe, weil das aufregender ist, als mit dem Aufzug zu fahren. Und wir gehen draußen spazieren, egal wohin. Malou ist manchmal ganz verwirrt, weil wir kein Ziel haben, sondern sie sich aussuchen darf, wo es lang geht. Nach einigen Minuten kommt sie meist alleine zu mir und möchte auf den Arm. Ich war bis hierhin kooperativ und das spürt sie. Jetzt ist sie dran: fast immer darf ich sie im Auto anschnallen und wir fahren einkaufen oder zu unserer Verabredung. Beim Einkaufen darf sie die einzelnen Verpackungen für mich in den Einkaufswagen legen und nachher auf das Band. Wenn sie eine Aufgabe hat, strotz sie vor Stolz und es gibt kaum etwas schöneres, als ihren Eifer dabei.

Malou darf nicht alles – aber wir hinterfragen jetzt Verbote

Nach dem Ansatz von unerzogen, versuchen wir keine sinnlosen Regeln mehr aufzustellen. Es gibt genügend natürliche Grenzen, wieso muss man die Neugier und die Fantasie seiner Kinder dazu noch künstlich beschränken?

Malou darf auf den Esstisch klettern. Wenn kein Essen darauf steht oder andere Dinge die kaputt gehen könnten. Dann erklären wir ihr: Schau mal, das kann kaputt gehen, deshalb kannst du jetzt leider nicht auf den Tisch. Und das ist dann in Ordnung. Diese Regel ist sichtbar, greifbar, ihr verständlich. Ist aber alles aufgeräumt, darf sie (vorsichtig!) auf den Tisch um an ihre geliebte Lampe heranzukommen. Und ist dann stolz wie Oskar.

Malou durfte Semmelbrösel auf dem Sofa verteilen. Die hatten wir eigentlich in den Müll geschmissen, weil sie schon zu lange offen im Schrank standen. Kurz wollte ich laut aufschreien und sie mit der Packung zurück in die Küche schicken. Dann dachte ich – Stop! Slow Parenting! Warum möchtest du das jetzt verbieten? Weil es Arbeit macht? Und das höchstens zwei Minuten? Oder weil mein Kind dann nicht mehr unterscheiden kann, ob man etwas ausleeren darf oder nicht? Oh doch, das kann es. Sie hat mich bei jedem Korn, was heraus gerieselt ist, angeschaut und auf mein Verbot gewartet. Und ihre Freude war riesig, als dieses nicht kam. Es war eine tolle haptische Erfahrung für sie und sie hat eine halbe Stunde lang mit den Körnern gespielt. Und danach haben wir es schnell gemeinsam aufgesaugt.

Sie weiß genau, was sie das nicht darf. Kinder sind soziale Wesen. Sie wollen es uns nicht nur gleich tun sondern auch Recht machen (wenn es nicht gerade mit ihrer Neugier kollidiert). Ich mache mir weder Sorgen, dass sie sich in der Schule auf das Lehrerpult setzt noch dass sie bei ihrem ersten Freund daheim ihr Wasser ausschüttet und ihr Brot darin einweicht.

Wenn ich erschöpft bin, gelingt mir der Slow Living Ansatz kaum bis gar nicht

All‘ diese schönen Momente, die Entzerrung unseres Familienlebens tun unendlich gut. Ich muss mich manchmal ermahnen und  bin im Endeffekt immer stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, mein Verhalten zu überdenken. Das heißt aber noch lange nicht, dass mir das immer gelingt. Ich war jeden Tag in diesem Monat müde – zum Unistress kamen grausige Nächte dank Malous Eckzähnen.

Nachts war ich statt ruhig und bedürfnisorientiert genervt, verzweifelt bis wütend. Ich könnte weinen oder schreien, kann aber natürlich beides nicht tun, weil ich Malou ja irgendwie wieder zum Schlafen bringen möchte und sie selbstverständlich nichts für ihre Schmerzen oder Unruhe kann. Bis ich die Ruhe, die mir unser neuer (Nicht-)Erziehungsstil gibt, auch mit in die Nächte nehmen kann, vergehen glaube ich noch Monate bis Jahre (nach denen sie dann vielleicht doch mal durchschlafen wird).

Verzweifeln lässt mich auch das Zähneputzen, wo kein Spiel, kein Spaß und auch keine elektrische Zahnbürste helfen mag. Unsere Alternativen sind Geschrei und Festhalten oder keinen einzigen Zahn putzen.

Auch wenn ich gestresst bin, meine Gedanken zwischen Hausarbeit und Arztbesuch hängen und ich schwere Taschen plus Kind und Hund irgendwie die Treppe herausgekommen muss reagiere ich sicher nicht kindgemäß. Da motze ich schonmal rum, ohne dass Malou verstehen kann, warum. Das merke ich meist sofort an ihrem Blick. Dann versuche ich, ihr zu erklären, dass ich weiß, dass das blöd von mir ist und ich es gleich wieder gut mache. Genauso hänge ich an anstrengenden Tagen zu oft meiner To-Do-Liste nach, statt mich mit Malou auf ihr Spiel einzulassen. Ich hoffe, dass ich das ab nächsten Monat besser schaffe zu trennen. Arbeit zu seiner Zeit, Familie zu seiner Zeit.

 

4 Comments

  1. Anika sagt:

    haha, das mit den semmelbröseln kommt mir bekannt vor.. bei uns war es reis und er hatte einen heidenspaß 😀

    finds toll deine erfahrungen zu lesen! ♡

  2. Julcha sagt:

    Oh Bienchen – ich finde es schade, dass andere Menschen deine so wunderschön erzählten kleinen und großen Momente des Tages kopieren. Aber glaube mir, nach meinem eigens durchgeführten Vergleich erkennt man sofort wer kopiert und wer diese Momente wirklich erlebt und dann so schön in Worte gefasst hat. Du hast einfach eine einzigartige Weise erlebte Dinge, Reflektionen und Gedanken für andere verständlich und nachvollziehbar zu machen. Ich muss immer so schmunzeln (Malou wird in der Schule nicht auf den Lehrer-Tisch klettern, Semmelbrösel!). Du bist wunderbar und einzigartig

  3. Dorothea sagt:

    Zähneputzen kann schon ganz schön nervig sein, ist abervein muss,.. wenigstens zwei mal am tag,.. bei uns hilft gerade aufkleber und mit mama papa oder dem vrossen Bruder um die wette putzen je nach laune,… wichtig ist das ritual,. Das muss dann nicht jedes mal neu entschidden werden ob zähneputhen oder nicht,… morgens und abends werden die zähne geputzt und gut.

  4. Simone sagt:

    Das sind nette Ideen, vielen Dank dafür.
    Wir gehen einen ähnlichen Weg.
    Allerdings habe ich ein paar festere Anker, damit es mir selbst als Mutter dauerhaft gut geht.
    So wird bei uns während der Mahlzeiten weder gesungen noch laut Musik gehört. Und seit meine Junior eine alte Karius-und-Baktus-Kassette gefunden hat, ist Zähneputzen meist kein Problem. 🙂

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