Die Sache mit dem Verwöhnen – Wie viel Aufmerksamkeit braucht mein Kleinkind?

08.13.2017

Immer wieder hört man als Eltern, die bedürfnisorientiert leben, den Vorwurf: du verwöhnst dein Kind. Das ist nicht gut. Manchmal hart formuliert, manchmal durch die Blume gesagt. Genauso war es beim Schlafen. Wie soll ein Kind jemals durchschlafen, wenn es nicht gelernt hat selbst wieder in den Schlaf zu finden? Ganz einfach: wenn es bereit dafür ist. So wie es bei uns von einem auf den anderen Tag der Fall war (davon habe ich euch hier erzählt).

Man kann sein Kind verwöhnen. Aber sicher nicht in den ersten Lebensjahren und sicher nicht mit Liebe. Im ersten Lebensjahr gab es kein wenn und aber. Wenn Malou etwas brauchte, dann habe ich reagiert. Denn in den ersten Monaten ist dieses Brauchen und Wollen nichts als Nähe, Sicherheit, Schlaf oder Essen. Und daran soll und darf es keinem Kind fehlen – niemals. Aber wie sieht das heute aus? Aus dem kleinen Quarkbällchen ist ein Wirbelwind geworden, das mit zunehmender Sprachkompetenz so einiges am Tag fordert. Was davon erfülle ich und muss ich auch mal nein sagen, damit „sie es lernt“?

Oma hia, Mama mit, Papa da setzen, nein, Opa, homm!

Nachdem wir einige Wochen hatten, in denen Malou sich bis zu einer Stunde alleine beschäftigt hat, muss die letzten Wochen immer jemand mitkommen, dabei sein, schauen. Manipulation? Verzogenes Kind? NEIN! Ein simples Bedürfnis .. ihre Sprache wächst täglich um einige Wörter an, sie lernt stündlich Abläufe, motorische Feinheiten und Dinge in der Welt kennen. Das kann kein Kleinkind alleine bewältigen, das geschieht im steten Austausch mit den engen Bezugspersonen. Deshalb reagieren wir, erheben uns trotz Müdigkeit oder Unistress. Und auch wenn ich eigentlich keine Lust habe nach zwei Stunden Duplo nochmal Anna und Sissi zu Doktor Giraffe zu schicken um ihre kleinen Duplo Füße mit einem Verband zu umwickeln.

Ein Kind ist in diesem Alter gar nicht dazu in der Lage zu manipulieren, etwas anderes als ein Gemeinsam spielen damit bezwecken zu wollen. Das einzige, was ich meinem Kind mitgebe, wenn Handy, Buch oder Ruhe wichtiger ist als es selbst, ist dass es nicht wichtig genug ist.

Das heißt aber nicht, dass wir den ganzen Tag springen, denn auch wir haben als Eltern Bedürfnisse.

Wenn Bedürfnisse aneinander geraten

Bei uns wird abgewogen, was gerade am schwersten wiegt. Oft gehen Malous Bedürfnisse vor, weil sie mit zwei Jahren schlichtweg nicht in der Lage ist eine andere Perspektive anzunehmen, sich in andere Menschen hereinzufühlen oder den Sinn von Warten und seine Zeitabschnitte zu verstehen.

Aber auch wir haben Bedürfnisse oder Dinge, die im Alltag erledigt werden müssen. Wenn Papa Mupfel sich nach acht Stunden Arbeit noch an die neuen Küchenschränke begibt, dann ist seine Kraft am Ende und dann muss Malou warten. Wenn wir losmüssen und ich packe, dann sage ich ganz klar nein. Jetzt gerade gibt es keine Toleranzgrenze, keine Aufmerksamkeit, jetzt kann ich mal kurz nicht.

Eines meiner grundlegenden Bedürfnisse ist, dass ich abends müde bin. Totmüde und erledigt. Und fast immer noch Arbeit auf mich wartet, sei es für den Blog oder die Uni. Wir gehen selbstbestimmt schlafen, aber abends spielen wir nicht mehr. Kuscheln ja, Buch lesen gerne, aber wir spielen nach 20 Uhr nicht mehr auf dem Boden oder rennen von A nach B und wieder zurück.

Und wisst ihr was? Das klappt. Auch mit einer Anderthalb- oder Zweijährigen. Weil wir erklären, weil wir ehrlich und authentisch sind. Wir geben ihren Bedürfnissen fast immer Vorrang und deswegen herrscht bei uns von beiden Seiten Kooperation. Echte Kooperation. Beide Seiten gehen Kompromisse ein und beschreiten einen gemeinsamen Weg. Deswegen akzeptiert Malou (bisher! ich bin mir sicher, dass uns da noch einiges bevorsteht) auch unsere Bedürfnisse. Denn sie weiß, wenn wir sie äußern, dann ist das gerade wichtig.

Muss mein Kind lernen sich alleine zu beschäftigen?

Jein. Wir handhaben es wie mit dem schlafen lernen. Malou wird nicht gezwungen, wir ziehen keine Konsequenzen oder bestrafen gar. Aber trotzdem haben wir einige Dinge vorsichtig verändert, Angebote gemacht und geschaut wie Malou darauf reagiert (mehr dazu hier).

Genauso machen wir das mit dem Alleinspielen. Das muss sie nicht. Aber wir versuchen Anreize oder Situationen dafür zu schaffen. Wenn sie mal vertieft ist stören wir nie sondern schleichen uns vorsichtig wieder heraus, bevor sie uns sieht und natürlich in das Spiel integriert. Ich stelle mich auch mal schlafend oder sage: geh schonmal vor in den Zimmer, Mama kommt gleich nach. Manchmal möchte Malou nicht, dann lege ich meine Sachen zur Seite oder beende sie und komme sofort mit. Aber manchmal rennt sie auch freudig los und ich höre sie Konversationen mit ihren Holzfiguren führen. Alleine. Weil sie immer weiß, dass sie nicht muss. Und auf der anderen Seite, weil sie so erst entdeckt, dass sie kann.

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2 Comments

  1. Anita Reichel sagt:

    Ich finde, du bringst es ganz genau auf den Punkt!
    Unter verwöhnen verstehe ich nämlich tatsächlich Verzärtelung, also Aufmerksamkeit der Eltern, ohne dass das Kind diese im Moment braucht. D.h. sie nie selber machen zu lassen, Kindern zu vermitteln, dass sie ohne Eltern nichts könnten und das hat für mich nichts mit bedürfnisorientierter Erziehung zu tun.
    Wenn ein Kind Aufmerksamkeit braucht, macht es dies bemerkbar und dann ist es wichtig, darauf zu reagieren, aber ebenso zu zeigen, dass es in manchen Situationen eben gerade nicht geht, wie du schön schreibst.
    Ich finde, dies hat nichts mit Verwöhnen zu tun, sondern das bedeutet einfach, dem Kind die Liebe geben, das es benötigt.

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