Warum Malou nicht getauft wurde

11.02.2017

Die Gesellschaft in unserem Land ist in den letzten Jahrzehnten unglaublich tolerant und variabel geworden. Natürlich gibt es immer noch Denkmuster, die homophob und rassistisch sind, oder es vielleicht gar nicht sein wollen, aber für Betroffene immer noch sind. Aber das ist ein anderes Thema. Schaut man sich den gesellschaftlichen Druck vor einigen Jahrzehnten an, ist es enorm wie frei man sich heute für Familienkonstellationen, Lebensweisen und Religionen entscheiden kann ohne von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Wer noch zu Zeiten unserer Großeltern uneheliches Kind oder nicht getauft war, hatte es gerade in ländlichen Gegenden sehr schwer.

Gegen Aus Prinzip taufen

Trotzdem wundert es mich, dass heutzutage so viele Kinder getauft werden. Ich möchte damit nichts gegen Glauben oder Religion sagen. Auch wenn ich selbst nicht glaube, akzeptiere und respektiere ich, wenn es Menschen tun, so wie ich das in allen Lebenssituationen tue. Ich verstehe vieles nicht, aber wenn Glaube Menschen in ihren tiefsten Zeiten retten, ihnen Halt geben oder aus ihnen sogar bessere Menschen machen, Freundschaften und Lebensgemeinschaften aufbauen: toll! Dann ist es die logische und gute Konsequenz seine Kinder in die Hände Gottes zu legen und ihnen von Beginn an Zugang zu dieser Welt zu ermöglichen.

Aber die meisten Familien, die ich kenne, und in denen die Taufe ganz selbstverständlich an die ersten Lebenswochen anknüpft, glauben nicht. Waren seit Jahren nicht in der Kirche und auch ihre Kinder werden höchstens zu Weihnachten mal mit Religion, Jesus Christus und der Bibel in Berührung kommen. Warum dann taufen? Ich bin nicht dagegen, nur dafür, dass man sich auch Gedanken macht, was man dort eigentlich tut. Eine schöne Tauffeier haben, Geschenke bekommen und Paten bestimmen? Eigentlich geht es hier um so viel mehr. Die Kinder gelten nach diesem Tag als evangelisch oder katholisch, bis sie sich bewusst dagegen entscheiden. Und als Eltern und Paten verpflichtet man sich dazu, das Kind in einem christlichen Glauben zu erziehen / heranwachsen zu lassen.

Warum wir uns gegen die Kirche entschieden haben

Ich war auf einer erzbischöflichen Schule, bin selbst evangelisch getauft und hatte einen tollen Pastor in meiner Heimatkirche. Ich habe sogar im Kirchenchor gesungen. Ich mag viele Dinge an der Kirche oder zumindest an unserer. Die Musik, die Ruhe, sich selbst finden, einen Anlaufpunkt haben, an dem man behütet wird und still sein kann, wenn alles um einen zusammenbricht. Ich finde vieles gut, was Jesus getan hat – würden wir ihm nacheifern wäre die Welt eine viel bessere. Werte wie Nächstenliebe, Gemeinschaft, Vergebung sind gerade in unserer heutigen Gesellschaft oft nur noch schwer zu finden.

Aber Papa Mupfel und ich, wir glauben eben nicht. Nicht an Gott, nicht an Wunder, sondern eher die riesige Zahl der Zufälle, aus denen nunmal an mancher Stelle ein „Wunder“ resultieren muss. Ein Ritual durchzuführen, in dem wir Malou in die Hände eines Gottes legen, den es in unserer Vorstellung gar nicht gibt, fanden wir absurd und lächerlich. Ich finde das Auferzwingen von Riten und dem einen Gott, dem einen Glauben, furchtbar. Ein Gott, an den ich glauben könnte, würde da nicht herein passen, in dieses Absolute, Ausschließende, Dogmatische. Außerdem möchte ich keine Institution unterstützen, die von Nächstenliebe spricht, aber jegliche Form von gleichgeschlechtlicher Liebe verteufelt – da hört es bei mir echt schon auf.

Ich glaube an viel, an die Liebe, an ein gewaltfreies Miteinander, an Freiheit und Respekt für die Gedanken anderer. Und da bin ich auch immer bereit mich für einzusetzen, all‘ das möchte ich Malou mitgeben. Aber das hat für mich eben nichts mit der Kirche zu tun. Wir waren übrigens trotzdem beim Kindergottesdienst und Malou hatte großen Spaß. Vielleicht entscheidet sie sich ja einmal zu glauben, ihren eigenen Weg dorthin zu finden. Wir würden sie unterstützen, wie bei jedem Weg.

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7 Comments

  1. Bini sagt:

    Biene, das hast du wunderbar auf den Punkt gebracht. Auch ich habe bei vielen das Gefühl, dass die Kinder nur getauft werden, weil es eben alle machen und es ein gesellschaftliches Ritual ist. Wir haben uns ebenfalls bewusst dagegen entschieden, weil wir keinen Glauben haben. Wir nehmen die für uns wichtigen Werte mit und geben sie den Kindern auf den Weg. Sollten sie sich jemals für einen Glauben entscheiden, ist das vollkommen in Ordnung. Wir werden sie unterstützen. Die Wahl wollen wir jedoch ihnen überlassen.
    Fühl dich virtuell gedrückt,
    Bini

  2. Laura sagt:

    Hach, ganz toll! Ich finde es so klasse, dass Du dazu stehst! Das tun nicht viele – man darf es kaum aussprechen.

    Liebe Grüße

  3. Anna Lena sagt:

    Ich muss jetzt auch mal was dazu schreiben 🙂 Ich habe zwar keine Kinder, aber habe auch genauso gedacht, dass ich mein Kind nur aus Prinzip taufen lassen würde, weil es bei mir eben auch so war, ich jetzt aber gar nicht „glaube“… Und da ist finde ich wieder dieses „man macht das so“ oder „so war es eben früher“. Aber ich finde den Beitrag sehr gut, weil er dazu anregt, sich selbst zu hinterfragen! Ich würde mein Kind aber letztendlich auch nicht taufen lassen.

    Liebe Grüße 🙂

  4. Sabrina Boos sagt:

    Hallo,
    ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen. Mein Mann und ich sind beide noch in der Kirche…Auf dem Papier. Ich kann mich letztendlich noch nicht durchringen auszutreten, weil ich mir bei einem eventuellen Jobwechsel irgendwann damit vielleicht Chancen verbauen könnte. Unsere Tochter ist nun fünf Jahre alt und nicht getauft. Dies hat auf einigen Widerstand in der Familie gestoßen, aber euer bei den Urgroßeltern unserer Tochter. Wir könnten sie ja taufen lassen und irgendwann kann sie dann selbst entscheiden. Warum kann sie denn nicht sofort irgendwann selbst entscheiden?! Sie geht in einen evangelischen Kindergarten und nimmt alle religiösen Feste und Vorbereitungen dort mit und das mit großer Freude. Wir gehen auch schon mal in eine Kirche, um eine Kerze anzuzünden und wir leben zu Hause christlichen Werte, die aber genauso gut menschliche Werte heißen könnten. Wenn unsere Tochter sich irgendwie für einen Glauben entscheiden möchte, werden wir ihr keinen Weg versperren, sondern sie darin unterstützen.

  5. Zhunami sagt:

    Toller Beitrag von dir. Mir war gar nicht bewusst, dass immernoch so viele Leute ihre Kinder taufen lassen. Die Kirchenaustritte nehmen zu, und es gibt immer mehr Atheisten. Und das finde ich auch gut so. Für ein vernünftiges Moralverständnis sind keine Götter nötig.

  6. Caro sagt:

    Hallo! Ich finde dieses Beitrag super! Ich bin 20 und
    habe selber noch keine Kinder. Ich bin gläubig und dürfte die Entscheidung ob ich mich taufen lassen möchte selber treffen obwohl meine Eltern auch Gläubige Christen sind. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar und genau so möchte ich das auch handhaben. Ich finde es hat nichts damit zu tun, ob die Eltern selber glauben oder nicht. Denn die Taufe sollte immer eine eigene Entscheidung sein, gleichgültig was die Eltern davon halten. Kindestaufe ist in der Bibel nirgendwo zu finden und so sollte Taufe einzig und alleine eine bewusste Entscheidung des Täuflings sein 🙂

  7. Jojoba sagt:

    Hallo.
    Ich bin ja sonst mehr Leserin als Schreiberin, aber ich muss sagen ich finde deinen Beitrag wirklich Klasse !
    Ich denke ganz genau so wie du. Unser Sohn ist aus genau diesen Gründen auch nicht getauft. Er ist jetzt 10 Jahre alt und hatte bisher nie Probleme damit. Das heißt nicht das er die Kirche nicht kennt. Wir gehen an Weihnachten aus Tradition schon in die Kirche, aber sonst eben nicht. Mein Verlobter ist vor einigen Jahren aus ausgetreten und ich werde es auch tun. Das heißt für mich nicht das ich/ wir nicht glauben, ich glaube sogar an sehr vieles, sogar an Gott. Aber eben nicht an die Kirche und so finde ich hat unser Sohn in der Zukunft alle Möglichkeiten und wenn er der katholischen oder evangelischen Kirche beitreten möchte (aus eigenem Willen ) kann er das ohne Probleme tun.

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