Warum wir (erstmal?) zu Dritt bleiben

09.23.2017

Vorweg: das sind meine ganz persönlichen Gedanken, wie in jedem Artikel, den ihr hier in der Kategorie Gedanken findet. Meine Gedanken für meine ganz persönliche Situation. Meine Freundin Bini von tinyfeetadventures hat z.B. gerade ihr zweites Kind bekommen und vielleicht wollen sie noch ein Drittes (davon hat sie hier erzählt). Ich kann jeden ihrer Gedankengänge nachvollziehen und ich glaube, dass gerade in Punkto Familiengröße niemand diskutieren muss.

Ich habe nur in letzter Zeit viel Anlass gehabt über unsere Familienkonstellation nachzudenken. Ob es besorgte Demographen sind, die herausfinden, dass pro deutschem Paar nur noch 1,6 Kinder geboren werden und unsere Gesellschaft schrumpft. Schaue ich auf Instagram sind gefühlt alle Mamis, die 2015 mit mir schwanger waren wieder schwanger oder halten schon ihr zweites Wunder in der Hand. Auch gestern auf dem Bauernhof war ich scheinbar die einzige Mami mit Kleinkind ohne Baby vor oder im Bauch. Aber macht mich das sehnsüchtig, lässt mich zweifeln, ob nicht doch Zeit für ein zweites Kind wäre? Nein, ganz und gar nicht!

Meine persönliche Freiheit

Nach anderthalb Jahren Schwangerschaft und Stillzeit war und bin ich wieder zurück in meinem Alltag. Natürlich ist das jetzt ein Mama-Alltag. Ich lebe mit meiner Familie zusammen statt in einer 10er WG, haue mir am Wochenende nicht mehr die Nächte um die Ohren und lebe wesentlich gesünder. Aber trotzdem habe ich mir nach und nach wieder ganz viel nur Ich sein zurückerobert.

Ich gehe zweimal die Woche einige Stunden Klettern. Einer der Sachen, die ich am allerwenigsten bereit bin aufzugeben. Ich habe nicht nur eine körperliche Fitness aufgebaut, wie ich sie noch nie hatte und mit der ich sehr zufrieden bin. Auch mental sind diese Stunden unglaublich wichtig für mich. Und es ist schön danach noch ein Bier mit alten Freunden zu trinken. Oder ohne Auto auch mal zwei oder drei oder fünf und erst den letzten Zug um 2 Uhr nach Hause zu nehmen. Ich habe das Privileg zwei Mal im Jahr ein Wochenende mit meinen besten Freunden aus dem Auslandssemester zu verbringen und eine handvoll Nächte nur für Papa Mupfel und mich. Das braucht nicht jeder, aber mich, mich macht das wahnsinnig glücklich und ausgeglichen.

Auf all‘ das würde ich jederzeit verzichten, wenn ich müsste. Aber muss ich ja nicht, sich für ein zweites Kind zu entscheiden, würde heißen all‘ diese Freiheiten aus freien Stücken aufzugeben. Und dazu bin ich nicht bereit. Egoistisch? Wem gegenüber? Malou macht keinerlei Abstriche, weil sie entweder bei Papa oder Oma ist, die mich mehr als gut ersetzen oder schlichtweg eh schläft, wenn ich weg bin. Papa Mupfel profitiert zum einen von seinen Freiheiten, zum anderen hat er glaube ich auch mal ganz gerne einen Abend nur für sich. Und sonst? Sonst ist da keiner. Kein noch nicht geborenes Baby, dem gegenüber ich egoistisch sein könnte.

Nein, egoistisch ist das nicht. Selbstfürsorge nennt man das. Die Basis für eine funktionierende Familie.

Unser Lebensplan

Wir sind finanziell und wohnraumtechnisch so abgesichert, dass eine Veränderung nicht drängt. In unsere Wohnung würde auch ein Baby noch passen ohne dass wir in Chaos versinken. Papa Mupfels Meister und meine Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeuten könnten wir auch noch in zehn Jahren statt in den nächsten fünf abschließen.

Aber für mich selbst möchte ich einfach so gerne voran kommen. Es macht mich ungeduldig und uns sind diese Weiterbildungen persönlich sehr wichtig. Wir können es also aufschieben, aber es ist ein Punkt, in dem wir Abstriche machen müssten und das eigentlich nicht wollen.

Malou als Einzelkind

Der einzige Grund für ein weiteres Kind wäre momentan, eine fast gleichaltrige Bezugsperson für Malou haben. Damit sage ich nicht, dass ich ein neues Baby nicht genauso lieben würde .. natürlich würde ich das! Einmal in meinem Bauch am wachsen, würde ich meine Mamaliebe verdoppeln und die Hälfte meinem zweiten Kind geben. Aber es existiert nunmal nicht, daher ist der einzige kleine Mensch, um den ich mich tagein, tagaus, sorge und bemühe mein kleines Mupfelchen.

Und das hat es in der momentanen Situation am besten als Einzelkind. Selbst damit bin ich mal überfordert, nicht ausgeruht und ungehalten. Was wäre mit einem neuen Baby? Ich weiß, wie viel schwerer es Malou hätte. Nicht nur durch meine Aufmerksamkeit, die sie momentan noch sehr braucht, sondern auch durch meine Belastung, die sie zu spüren bekommen würde. Überall sehe ich auf dem Spielplatz müde, gereizte Mütter, die den Spagat zwischen Baby und Kleinkind meistern – davor ziehe ich meinen Hut, wundervoll wie sie das tun! Aber besonders glücklich sehen alle drei in den meisten Situationen nicht aus. Da bin ich manchmal ganz schön froh, mit einer ganz anderen Energie auf Malou eingehen zu können.

Aber allem voran: wir sind so komplett

All‘ diese Punkte wären nichtig, wenn unser Gefühl uns sagen würde: wir wollen unbedingt noch ein zweites Kind. Wir fühlen uns noch nicht komplett. Damit setzt man nicht sein aktuelles Glück hinab, für viele Menschen gibt es einfach dieses starke Gefühl nach einer Familie mit zwei, drei oder mehr Kindern. Für uns ist es andersherum: ich wollte immer zwei Kinder haben, weil meine Schwestern mir das Liebste und Nahste auf der Welt sind. Aber nun, da wir zu Dritt sind, da ist alles so perfekt. Wunderbar, erfüllt, ausgefüllt, so richtig. Da ist kein Wunsch oder sogar ein Unwille gegen jegliche Veränderung, weil wir doch schon die Familie sind, die ich mir immer gewünscht habe.

Wie es in den nächsten Jahren aussieht? Wir werden sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Gefühl bei mir und noch weniger bei Papa Mupfel ändert. Aber who knows? Vielleicht kommt er auf einmal doch, der erneute Kinderwunsch. Und dann werden alle unsere „Argumente“, die ich euch gerade genannt habe auf einmal unwichtig.

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4 Comments

  1. Travelingkinder sagt:

    Danke ! Mir geht es ganz ähnlich. Beruhigend, dass es nicht nur mir so geht lg

  2. Bini sagt:

    Und ich kann all deine Gedankengänge nachvollziehen und verstehen! Niemals würde ich mir den kleinen Mann aus unserer Familie wünschen, doch man merkt jetzt noch einmal mehr, wie weit Pauli schon war und wie viele Freiheiten man nun wieder (wenn auch temporär) aufgeben muss.
    Ich möchte auch noch so vieles erreichen und eigene Wünsche realisieren, sodass wir wohl zu viert bleiben werdet. Selbstfürsorge.. sie ist so wichtig und ich denke, dass viel zu viele Eltern das unterschätzen. Das Familienglück ist durch Selbstfürsorge doch viel nachhaltiger.
    Mal wieder ein sehr schöner Artikel, liebe Biene <3
    Fühl dich gedrückt!
    Bini

  3. Johanna sagt:

    Du fasst all meine Gefühle in Worte und sprichst mir mit jedem Satz aus dem Herzen…es berührt mich total und ich bin zu Tränen gerührt. Ich fühle mich damit oft so alleine und so als ob ich mich dafür rechtfertigen müsste. Es tut unglaublich gut deine Zeilen zu lesen und zu merken dass ich doch nicht ganz so allein mit meiner Haltung bin. Vielen Dank!!

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